Mitsamt den alten Sprossenfenstern original erhalten, vermag der 1865 errichtete Bau ein authentisches Bild über das Aussehen eines bäuerlichen Wohnhauses in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu vermitteln. Auffallend ist der bürgerliche Habitus des Gebäudes. Der perfekt symmetrische Aufbau der Fassade mi den axial gebündelten einheitlich grossen Hochrechtecksfenstern, die Betonung der Mitte durch einen überhöhten, mit einem Triforium neckisch akzentuierten Quergiebel, die harmonisch schlanken Proportionen – all dies rührt von einem dem Klassizismus verpflichteten Gestaltungssinn her. Der in Valendas wohl mit dem Bau des Schulgebäudes eingeführte Stil hatte in kurzer Zeit auch die rurale Architektur des Dorfes erfasst. Kein Ornament stört die rigide Ordnung – darin äussert sich eine radikale Abkehr von der in Valendas jahrhunderte lang gepflegten Tradition der architektonischen Wandmalerei, die auch noch in den aufgemalten Eckpilastern des Schulhauses nachhallt. Trotz seiner asketischen Nüchternheit wirkt der Bau nicht steril. Der direkt auf die Aussenmauern aufgetragene Putz glättet die Unebenheiten der Konstruktion nicht gleichmässig aus, was den Oberflächen eine bewegte Textur verleiht. Die lebendige Patina verdankt sich dem Sumpfkalk, mit dem bis vor rund hundert Jahren jeder Mörtelputz hergestellt war. Die Kunst des Kalkbrennens war bis dahin in Graubünden (wie überhaupt in der Schweiz) weit verbreitet. In praktisch jedem Dorf gab es jemanden, der einen Kalkofen einzurichten und Branntkalk herzustellen verstand. Mit dem Aufkommen zementhaltiger Putze wurde der gebrannte Sumpfkalk rasch verdrängt. In den letzten Jahren hat eine grössere Sensibilität gegenüber historischen Baupraktiken zu einer eigentlichen Renaissance des Werkstoffes Kalk geführt. Ausser dem grossen Rundholzstall, dessen vom Wohnbau losgelöste Stellung die Durchsetzung moderner Hygienevorstellungen widerspiegeln mag, deutet am Haus Joos kaum etwas darauf hin, dass seine Erbauer ihren Lebensunterhalt mit Landwirtschaft bestritten. Einen Hinweis geben die mit Holzbalken eingelassenen Schlitze im Giebelfeld der beiden Schmalfronten. Sie dienten zum Ausfahren eines hölzernen Wagens, der zum Dörren von Kirschen, Zwetschgen und Äpfeln diente. Solche Dörr-Einrichtungen finden sich an den meisten Häusern im Dorf, was auf die einst grosse Bedeutung des Obstbaus in dieser Gegend hinweist.

Quelle: Architekturrundgänge in Graubünden Valendas herausgegeben vom Bündner Heimatschutz und der Stiftung Valendas Impuls. Autorin Ludmila Seifert-Uhrenkovich, ISBN 978-3-85637-473-0


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